Bild könnte enthalten: 1 Person, lächelnd, Pflanze, Nahaufnahme und im Freien„Zensuren sind Teufelszeug“ –
zum Umgang mit Noten als Lehrerin & Mutter

Es ist die Zeit der Halbjahreszeugnisse. Das Ringen, Feilschen und Bangen um Noten erreicht einen kleinen Höhepunkt. Allerlei Emotionen auf Seiten von Schülern, Lehrern und Eltern begleiten das Prozedere.

Folgende Informationen entspringen meinem Herzen als Lehrerin / Lernbegleiterin und Mutter. Sie werden gestützt durch die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Expertise des Grundschulverbandes, erstellt von der Arbeitsgruppe Primarstufe an der Universität Siegen: „Sind Noten nützlich und nötig? Ziffernzensuren und ihre Alternativen im empirischen Vergleich“

Zunächst einmal zu den Ergebnissen der Analyse:

Noten sind informationsarm – dieselbe Punktzahl kann Ausdruck völlig unterschiedlicher Leistungen sein.

Noten sind nicht vergleichbar – die Ergebnisse fallen je nach Lehrer, Fach, Vorbereitung durch den Unterricht, Art der Aufgabenstellung, Leistungsniveau der jeweiligen Klasse, Schule, Bundesland unterschiedlich aus. Das gilt auch im Fach Mathematik – von dem viele glauben, es wäre sehr objektiv bewertbar! Allein die Auswahl von Aufgaben und Anforderungsniveau…

Noten haben negative Auswirkungen auf die Motivation – bei schlechten Noten sind wohl jedem die Zusammenhänge und Auswirkungen klar. Aber auch bei guten Noten kann sehr schnell ein Abhängigkeitsverhältnis von den guten Noten entstehen. Die intrinsische Motivation, aus innerem Antrieb heraus Dinge lernen zu wollen und die Freude an der erlangten Kompetenz an sich lassen nach, gehen verloren. Man lernt nur noch für die guten Noten – und wehe es ist mal eine nicht so gute dabei… Dann ist die Trauer und Enttäuschung oft groß.

Noten sind weder zureichend gültig (valide), personenunabhängig (objektiv) noch verlässlich (reliabel). Soziale und ethnische Herkunft, Geschlecht, Verhaltensauffälligkeiten, persönliche Sympathie führen zu systematischen Verzerrungen der Beurteilung – vor allem bei Noten zu Selektionszwecken, z.B. der Frage nach der Art der weiterführenden Schule.

Alternativ bin ich ohnehin für einige Veränderungen am Gesamtsystem, zunächst aber halte ich inhaltliche Rückmeldungen in Form von Gesprächen und Texten unter Einbezug der individuellen Bezugsnorm (also den persönlichen Fortschritt) für eine sofort umsetzbare, akzeptablere Alternative.

Aber nun gehören Zensuren leider NOCH zum Schulalltag dazu, also müssen wie mir ihnen umgehen.

Aber wie?

Mein Standardsatz dazu lautet:
Noten sind lediglich eine Rückmeldung darüber, inwiefern deine Antworten in genau dieser Situation zu genau diesem Thema den erwarteten Antworten genau dieser Fragen entsprochen haben. Nicht mehr und nicht weniger.

– Noten sagen absolut nichts darüber aus, welche menschlichen Qualitäten du hast.
– Sie haben nichts damit zu tun, wie sehr du von deinen Mitmenschen geliebt und geschätzt wirst.
– Sie geben Rückmeldung zu einem winzigen Teilbereich deiner Kompetenzen.
– Sie sagen nicht einmal etwas darüber aus, über welche Intelligenzen du verfügst oder ob du „gut“ in diesem Fach bist.
– Und vor allem sagen sie nichts über die vielen, vielen Fähigkeiten aus, die du darüber hinaus besitzt.

Wie unsere Kinder mit Noten umgehen, welchen Wert sie ihnen beimessen hängt zu einem großen Teil davon ab, wie wir als Eltern oder Lehrer es vermitteln. Machen wir um jede Note ein Drama, schwingen große Reden, Strafen, Belohnen und verändern unser Verhalten in Abhängigkeit von Zensuren – dann bekommen die kleinen Biester (Zensuren) eine viel zu große Macht. Eine Macht, die ihnen in Anbetracht der oben erwähnten Fakten nicht zustehen darf.

Nehmen wir die Noten aber eben nur als oben beschriebene Rückmeldung zur Kenntnis, konzentrieren uns auf den persönlichen Fortschritt und die inhaltlichen Rückmeldungen darüber, wo noch Erklärungs-, oder Übungsbedarf besteht, dann können wir das Beste aus dem Umgang mit Noten herausholen. Dazu gehört für mich (als Lehrerin und auch als Mutter) zu schauen, wie die Note zustande gekommen ist. Sind grundlegende Inhalte noch unklar? Hat die Zeit nicht gereicht, sind einem Flüchtigkeitsfehler unterlaufen? Aus dieser Auseinandersetzung mit dem Ergebnis kann man dann mit den Kindern Schlussfolgerungen ziehen und evtl. beim nächsten Mal eine bessere Note erzielen. Ein häufiges Problem ist, dass Kinder mit einer schlechten Note nichts mehr zu tun haben wollen. Schnell abhaken und vergessen. Daraus können sich aber weitere schlechte Noten ergeben, wenn z.B. die Anforderungen aufeinander aufbauen. Gerade dann sind ein paar Dinge im Umgang mit Noten wichtig:
Wertfrei darauf reagieren, keine Vorwürfe, konstruktiver Umgang mit der Rückmeldung/ Zensur, Hilfe anbieten, aber nicht aufzwingen, an den bereits vorhandenen Fähigkeiten anknüpfen, konkrete Lösungswege vorschlagen, Ausgleich für das Selbstwertgefühl schaffen, etc.

Als Lehrer können wir sehr viel für einen möglichst wenig schädigenden Umgang mit Noten tun – Stichpunkte: Transparenz von Bewertungskriterien, gute Vorbereitung, Termine zur Leistungsüberprüfung miteinander absprechen, sich mit den Schülern in einem Team sehen, Selbstreflexion anregen und miteinbeziehen, eigenen Fokus auf Fortschritte lenken, Fortschritte aufzeigen und anerkennen, Erfolgserlebnisse ermöglichen, konstruktive Rückmeldungen geben und unter Schülern anregen, Gelegenheiten für Ausgleich von schlechten Noten oder Wiederholung bieten, Angebote zur individuellen Unterstützung, Zusammenarbeit mit Eltern, persönliche Aufmunterung, vielleicht auch einfach mal in Form von „in den Arm nehmen“.
Mein Empfinden als Lehrerin ist – wir sitzen alle im gleichen Boot: Ich muss euch Noten geben, ihr müsst Noten bekommen. Lasst uns das Beste daraus machen. Wenn ich Noten gebe, dann vermische ich das nie mit der persönlichen Ebene. Meine Beziehung zu den Schülern bleibt davon unberührt, denn wenn ich könnte wie ich wollte, würde ich die Leistung meiner Schüler nicht bewerten. Ich würde inhaltliche Rückmeldungen und Hilfe anbieten.

Mein Empfinden als Mutter ist – das sind Noten, nicht mehr und nicht weniger. Wir bemühen uns um gute Noten – einfach, weil sie für den Abschluss relevant sind. Aber unterm Strich sind es immer noch nur Zahlen. Wenn du meine Hilfe bei der Vorbereitung brauchst und möchtest, bin ich jederzeit für dich da. Aber egal was dabei herauskommt, für mich bist du der tollste Mensch auf Erden. Ich sehe dich in deiner Ganzheit und Vollkommenheit, bestehend aus so vielen Facetten und Fähigkeiten, die Schule gar nicht erfassen kann.

Wie geht es dir im Umgang mit Noten? Welche Gedanken und Gefühle hast du dazu? Wie geht dein Kind mit Noten um?

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